Der unlackierte Aluminium-Rekordwagen Mercedes-Benz T 80 auf einer leeren Autobahn im Morgengrauen

Konzepte · 1937–1940

Das schnellste Auto, das sich nie bewegte.

Sechs Räder, vierundvierzigeinhalb Liter Flugmotor und errechnete 650 km/h. Im Februar 1940 stellte Mercedes-Benz die Arbeit ein und stellte den Wagen ab.

Der T 80 lief am 12. Oktober 1939 zum ersten Mal — und kam nicht von der Stelle. In einem Prüfhaus in Untertürkheim drehten sich seine Räder auf dem Rollenprüfstand, während der Wagen selbst vollkommen still stand. Darin liegt letztlich die ganze Geschichte.

Er war achteinviertel Meter lang, hatte drei Achsen und sechs Räder und trug hinter dem Rücken des Fahrers einen 44,5-Liter-Flugmotor von Daimler-Benz. Porsches Konstruktionsbüro hatte für ihn 650 km/h errechnet. Vier Monate nach jenem ersten Lauf — ohne eine Strecke in Europa, auf der er hätte fahren können, und mit einem Luftfahrtministerium, das seinen Motor zurückverlangte — stellte Mercedes-Benz die Arbeit ein. Alles, was man über 750 km/h gelesen hat, kam später und beruhte auf Schätzungen.

Kapitel I

Ein Fahrer, der einen Rekord brauchte

Mitte der 1930er-Jahre führten Daimler-Benz und Auto Union auf abgesperrten Autobahnabschnitten einen privaten Krieg, und die Bücher füllten sich mit Klassen- und Weltrekorden — 1937 als ganze Rekordwoche inszeniert. Nur einen Rekord rührte in Deutschland niemand an: den großen. Der absolute Geschwindigkeitsrekord für Landfahrzeuge lag 1935 bereits bei fast 485 km/h, ein Tempo, das keine öffentliche Straße mit einem Sicherheitsminimum hergab. Er gehörte Männern wie Malcolm Campbell, George Eyston und John Cobb, die ihre eigenen flugmotorgetriebenen Fahrzeuge bauten und damit zu den Bonneville Salt Flats in Utah fuhren.

Hans Stuck verfolgte das mit besonderem Interesse. Die Nummer 1 der Auto Union wurde vom strahlenden Jungstar Bernd Rosemeyer zunehmend in den Schatten gestellt, und Stuck suchte sich eine eigene Bühne: Er wollte seine hervorragenden Kontakte in die nationalsozialistische Elite nutzen, um sich von Daimler-Benz und Ferdinand Porsches Konstruktionsbüro ein flugmotorgetriebenes Fahrzeug bauen zu lassen — und den absoluten Rekord nach Deutschland holen.

Glaubwürdig machte ihn, dass er mit einem Motor kam. Stuck verschaffte sich Zugriff auf einen Daimler-Benz DB 601 — ein ungewöhnlicher Vorgang, denn sämtliche in Deutschland gebauten Flugmotoren unterstanden der ausschließlichen Verfügungsmacht des Technischen Amts der Luftwaffe. Mit dessen Chef, Ernst Udet, war er seit Jahren persönlich vernetzt.

Wilhelm Kissel aus dem Vorstand von Daimler-Benz, stets darum bemüht, die führende Rolle seines Unternehmens im Automobil- wie im Flugmotorenbau herauszustellen, ließ sich begeistern; ebenso Porsche, der nach neuen Aufträgen Ausschau hielt. Am 13. Januar 1937 wurde Porsches Büro mit der Realisierung beauftragt.

Kapitel II

Porsches Rechnung

Das erste Ziel lautete 550 km/h. Dann kamen weitere Meldungen aus Amerika, und es wurden 600 und schließlich 650 km/h. Porsches Büro rechnete aus, was dafür nötig wäre: rund 3.500 PS.

Seine Antwort war nicht, Motoren hinzuzufügen, sondern alles andere wegzunehmen. Die britischen Wagen fuhren mit zwei Motoren und hatten über 1.000 PS mehr in der Hand; der T 80 sollte einen Motor auf drei Achsen tragen, wesentlich schlanker und leichter — 2.800 kg trocken, weniger als halb so schwer wie die Konkurrenz, die er jagte. Ein Getriebe gab es nicht, weil es keines gab, das den Kräften des Motors standgehalten hätte. Die Kurbelwelle mündete direkt in eine Sechsscheiben-Wärmespeicherkupplung mit automatischer Fliehkraftanpassung.

Ein Detail im Antriebsstrang ist für 1939 verblüffend: Ein Drehmomentangleicher registrierte über ein Differenzialgetriebe und einen Fliehkraftregler beginnenden Schlupf der angetriebenen Hinterräder und reduzierte das Motordrehmoment, bis er aufhörte. Antriebsschlupfregelung — eingebaut, um die Reifen zu schonen.

Alles Übrige folgte der Luftströmung. Die drei Achsen hatten drei verschiedene Spurweiten — 1.300 mm vorn, dann 1.320 und 1.180 mm hinten — und wurden schmaler, wie die Karosserie schmaler wurde. Der Fahrer saß weit vorn unter einer vollständig geschlossenen, nach Flugzeugart schmal geschnittenen Kanzel. Mit 8.240 mm war der Wagen der längste Renn- oder Rekordwagen, den Mercedes-Benz je gebaut hatte.

Länge
8.240 mm
Gewicht
2.800 kg
cW-Wert
0,18
Antrieb
6×4
Seitenansicht des unlackierten Mercedes-Benz T 80 mit drei Achsen und dem Stummelflügel an der Flanke
Achteinviertel Meter, drei Achsen, sechs Räder — und der Stummelflügel, der alles auf der Straße halten sollte.

Die Strecke

Dessau

Südlich von Dessau lief auf der Reichsautobahn zwischen Berlin und Halle eine Gerade von etwa zehn Kilometern Länge und fünfundzwanzig Metern Breite, deren Mittelstreifen befestigt worden war. Im Februar 1939 waren dort Rekorde gefahren worden. Dorthin sollte der T 80.

Kapitel III

Vierundvierzigeinhalb Liter

Der DB 601, der die Tür geöffnet hatte, war ein kompressoraufgeladener V12 mit rund 34 Litern Hubraum und 1.100 PS in der Normalversion, mit direkter Benzineinspritzung, Vierventiltechnik und Doppelzündung. Als DB 601 Re V 1937 für Flugrekorde spezifiziert — höhere Verdichtung, schärfere Steuerzeiten, modifizierte Aufladung und brisanter Kraftstoff — lieferte derselbe Motor bis zu 2.770 PS.

Seit Herbst 1936 arbeitete Daimler-Benz auf gleicher technischer Basis an etwas Größerem. Der DB 603 wies gut 44,5 Liter Hubraum auf und war für große, schwere Militärflugzeuge gedacht. Im März 1937 stoppte Ernst Udet dessen Entwicklung, weil der dafür vorgesehene Bomber nicht sturzkampftauglich war.

Wegen dieses Verbots war der Motor des T 80 ein vom Reichsluftfahrtministerium zurückgekaufter Versuchsmotor, genutzt für Prüfstandläufe und einen provisorischen Einbau ins Fahrgestell. Was er auf dem Prüfstand leistete, war vielversprechend: ohne besondere Modifikationen, mit Rennkraftstoff, 2.800 PS. Die für den Wagen nötigen 3.500 PS schienen in Reichweite — vorausgesetzt, das Ministerium hätte die beim DB 601 Re V bereits genutzten Maßnahmen genehmigt. Das tat es nie.

Wie im Flugzeug war er über Kopf eingebaut, die Zylinderköpfe nach unten, was die Stirnfläche klein hielt. Bohrung 162 mm, Hub 180 mm, zwölf Zylinder in 60 Grad, zwei Zündkerzen je Zylinder, eine Bosch-Pumpe für bis zu 1.500 Liter Fördermenge pro Stunde. Für die Rekordfahrt hätte er ein Gemisch namens WW getrunken: 86 Prozent Methylalkohol, dazu Aceton, Nitrobenzol und Äther.

Was die Rechnung sagte

Angaben von Daimler-Benz zum DB 603 im T 80.

  • Auf dem Prüfstand erreicht, je 50 Prozent XM- und WW-Kraftstoff

    2.800 PS· 2.500/min

  • Errechnete Höchstleistung, je 50 Prozent XM- und WW-Kraftstoff

    3.000 PS· 3.200/min

    600 km/h

  • Errechnete Höchstleistung mit WW-Kraftstoff allein

    3.500 PS· 3.460/min

    650 km/h

Der hängende V12-Flugmotor Daimler-Benz DB 603 auf einem Stahlgestell
Der Daimler-Benz DB 603: zwölf hängende Zylinder, 44.500 cm³, 808 kg mit Schwungrad.

Kapitel IV

Neunhundert Kilogramm Abtrieb

Alle anderen Mercedes-Benz Rekordwagen der 1930er-Jahre waren Grand-Prix-Rennwagen in neuem Kleid. Der T 80 wurde komplett neu entworfen — und der cW-Wert, den er erreichte, 0,18, ist die Zahl, die noch heute innehalten lässt.

Die Beplankung wog 132,5 Kilogramm, von Hand getrieben, getragen von einem Gitterrohrrahmen mit 124,5 Kilogramm. Acht Schnellverschlüsse verbanden die gesamte Karosserie mit dem Fahrgestell; zum Reifenwechsel wurde sie abgenommen. Der Korpus war 1.740 mm breit und 1.270 mm hoch — mit den Flossen 3.200 mm.

Diese Stummelflügel waren am Rohrrahmen befestigt, nicht an der Karosserie. Sie sind Flugzeugtragflächen mit umgekehrtem Profil: Statt Auftrieb erzeugten sie Abtrieb, und rund 900 Kilogramm davon galten als das richtige Maß, um die Antriebsräder auf den Beton zu pressen. Der Federweg betrug 45 mm nach oben und 42 mm nach unten — klein genug, dass sich der Sturz der Räder nicht änderte.

Continental fertigte profillose Spezialreifen, 7.00-32, im Stand 1.170 mm im Durchmesser und errechnet 1.240 mm bei 650 km/h. Auf dem Rollenprüfstand machten die Reifen keine Probleme. Die Speichenfelgen schon: Bei etwa 500 km/h begannen sie sich zu verformen, und Continental und der Felgenhersteller Hering AG stritten darüber, wessen Problem das war.

Nahaufnahme des Stummelflügels, der aus der handgetriebenen Aluminiumflanke des T 80 wächst
Eine Flugzeugtragfläche mit umgekehrtem Profil — rund 900 kg drücken nach unten statt zu heben.

Kapitel V

Keine Strecke mehr

Bis in die ersten Wochen des Jahres 1940 hielt man bei Daimler-Benz den Einsatz für möglich. Der Wagen stand auf seinen sechs Rädern, fast alle Komponenten und die Karosserie waren nahezu fertig.

Zwei Dinge verhinderten ihn. Das Weiterentwicklungsverbot des Ministeriums für den DB 603 blieb fast bis zum Schluss bestehen, sodass es außer einigen Prüfstandläufen und jenem provisorischen Einbau nie eine Gelegenheit gab, den Motor auf 3.500 PS zu bringen. Und nach dem September 1939 gab es keinen Ort mehr. Abgesperrte Autobahnabschnitte waren für 650 km/h nicht mehr geeignet — die Gerade bei Dessau hatte man im Blick und legte sie beiseite — und die Bonneville Salt Flats waren unter den gegebenen Umständen keine Option.

Im Februar 1940 wurden alle Arbeiten eingestellt. Im selben Monat ließ sich das Ministerium endlich davon überzeugen, dass der DB 603 doch eine Zukunft hatte, hob sein eigenes Verbot auf — und verlangte den Motor zurück. Die Rennabteilung baute ihn aus und gab ihn ab.

Errechnet, nie versucht

650 km/h

Das Tempo, für das der T 80 gebaut wurde. Aus eigener Kraft ist er nie gefahren.

… wird auch in Zukunft seinen Stand im Daimler-Benz Museum in Stuttgart-Untertürkheim nicht verlassen.

Daimler-Benz, März 1952, im Dementi britischer Meldungen über einen Rekordversuch mit dem T 80

Drei Jahre und ein Rollenprüfstand

Der T 80 wurde binnen drei Jahren beauftragt, gebaut, im Stand geprüft und aufgegeben. Bis sein Fahrgestell öffentlich zu sehen war, dauerte es weitere achtundsiebzig.

  1. 13.01.1937

    Ferdinand Porsches Konstruktionsbüro wird mit dem Rekordwagen beauftragt — als Typ 80.

  2. 15.03.1937

    Ernst Udet stoppt die Entwicklung des DB 603 — jenes Flugmotors, um den der ganze Wagen herum entworfen ist.

  3. 01.02.1939

    Das Datum auf der Zeichnung der fertigen Karosserie: 8.240 mm lang, 1.270 mm hoch.

  4. 12.10.1939

    Der T 80 läuft erstmals — auf dem Rollenprüfstand in Untertürkheim.

  5. 02.1940

    Alle Arbeiten werden eingestellt. Im selben Monat hebt das Ministerium sein Verbot auf und holt den Motor zurück.

  6. 07.2018

    Das Fahrgestell wird mit einem Schnittmodell des DB 603 und rekonstruiertem Rohrrahmen beim Goodwood Festival of Speed präsentiert.

Epilog

Ein Ruf, den er sich nie verdient hat

Das Geheimnis hielt nicht. Im November 1945 veröffentlichte der britische Journalist Laurence Pomeroy nach einem Besuch in Untertürkheim im Fachmagazin The Motor einen Artikel unter dem Titel „A 450 m.p.h. Car“. 1948 folgte eine weit detailliertere Darstellung, gewonnen aus den vier Wochen, die der britische Geheimdienstoffizier Cameron Earl 1947 unter den Rennwagen von Mercedes-Benz und Auto Union verbrachte.

Beide gaben die Höchstgeschwindigkeit des T 80 mit 450 und 464 mph an — 724 und 746 km/h. Mercedes-Benz hält diese Angaben heute für deutlich zu hoch; die Gesprächspartner hätten allzu vollmundig geschätzt. Daher stammt die Legende von 750 km/h. Die eigene Rechnung des Unternehmens sagte 650, und im September 1947 fuhr John Cobb in Bonneville 634 km/h — in einem Wagen, der tatsächlich fuhr.

Bei der Umgestaltung des Museums 1986 wurde der T 80 an die Wand gehängt, wozu die Karosserie samt Rohrrahmen vom Fahrgestell mit Antriebsstrang getrennt werden musste; das Fahrgestell verschwand in den Heiligen Hallen, den Hinterzimmern der Sammlung. 2017 kam es mit neu angefertigten Reifen, einem Schnittmodell des DB 603 und rekonstruiertem Rohrrahmen wieder heraus und war im Juli 2018 in Goodwood zu sehen. Die Karosserie steht weiterhin in Stuttgart. Dass der Wagen eines Tages doch noch fährt, gilt bei Mercedes-Benz als ausgeschlossen.

Eine Zahl ist mit den Jahren bemerkenswert geworden. 1939 formten Porsches Leute einen acht Meter langen Wagen auf einen cW-Wert von 0,18. Dreiundachtzig Jahre später baute Mercedes-Benz den Vision EQXX um dieselbe Obsession herum und erreichte 0,17.

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