
Konzepte · 2009
Eine Karosserie. Drei Zukünfte.
In dem Winter, in dem Detroits eigene Industrie zusammenbrach, kam Mercedes mit einem Auto in Sonnenfarben, das sich nicht festlegen wollte: Batterie, Wasserstoff oder Range Extender — dasselbe Auto, Ihre Wahl.
Detroit, Januar 2009. Die Cobo Hall ist halb leer; zwei der drei einheimischen Riesen sind Wochen von der Insolvenz entfernt. Auf diese düsterste aller Bühnen schiebt Mercedes zwei hohe kleine Kompaktwagen in leuchtendem Gelbgrün, einer davon mit einem hellorangen Ladekabel im Schlepp — wie ein Frühling, der in der falschen Jahreszeit eintrifft.
Der Name war BlueZERO — Zero, wie null lokale Emissionen. Doch die eigentliche Idee war kein einzelner Antrieb. Sie war, dass eine einmal konstruierte Karosserie drei völlig verschiedene elektrische Zukünfte tragen konnte — weil 2009 niemand wusste, welche davon gewinnen würde.
Kapitel I
Der Boden, der zehn Jahre wartete.
Der Trick lag unter dem Teppich. Als Mercedes in den neunziger Jahren die erste A-Klasse entwarf, gab man dem kleinen Wagen einen zweilagigen Sandwichboden — teils für die Crashsicherheit, teils aber auch, schon damals, damit eines Tages Batterien oder Wasserstofftanks geschützt zwischen den Lagen wohnen konnten.
Dieser Tag ließ ein Jahrzehnt auf sich warten. Im BlueZERO saß jede wesentliche Antriebskomponente im Sandwichboden zwischen den Achsen: niedriger Schwerpunkt, darüber ein vollwertiger Fünfsitzer, darunter crashgeschützte Technik — ganz gleich, welcher der drei Antriebe eingebaut war.
Alle drei Varianten teilten einen Elektromotor — 100 kW Spitzenleistung, 70 kW dauerhaft — und 320 N·m vom ersten Millimeter Pedalweg an. 0–100 km/h dauerte unter 11 Sekunden; die Höchstgeschwindigkeit war zum Schutz der Reichweite auf 150 km/h begrenzt.
Sogar die Palette war ein System: Jeder Antrieb bekam seinen eigenen ALU-BEAM-Ton — Gelb für den E-CELL mit Batterie, Grün für den F-CELL mit Wasserstoff, Orange für den E-CELL PLUS mit Range Extender. Man konnte die Zukunft quer über die Halle hinweg lesen.
ALU-BEAM Gelb
E-CELL
35-kWh-Lithium-Ionen-Batterie
200 km elektrisch
ALU-BEAM Grün
F-CELL
Wasserstoff-Brennstoffzelle
400+ km elektrisch
ALU-BEAM Orange
E-CELL PLUS
Batterie + 1,0 ℓ Range Extender
600 km gesamt · 100 km elektrisch

Kapitel II
Reichweite nach Wahl.
Die 35-kWh-Batterie des E-CELL brachte 200 Kilometer. Der Wasserstoffstapel des F-CELL — Nachfahre eines Jahrzehnts Mercedes-Brennstoffzellenflotten — kam weit über 400, mit einer Effizienz von rund 81 mpg auf Benzin gerechnet. Und der E-CELL PLUS erreichte 600 Kilometer, indem er einen winzigen Benzingenerator für jene Tage mitführte, an denen die Steckdose zu weit weg war — 100 dieser Kilometer rein elektrisch.
Mercedes nannte die Konzepte „seriennah“, und meinte es so: Das waren vollständig durchkonstruierte Fahrzeuge, keine Skulpturen. Die Frage, die sie stellten — Batterie, Wasserstoff oder beides mit Reserve? —, hat die Branche bis heute nicht fertig beantwortet.


Epilog
Die Form der kommenden Dinge.
Blinzelt man den BlueZERO an, sieht man die nächste B-Klasse — der W246 von 2011 trug seine Proportionen und viel von seinem Gesicht. Die Wasserstoffvariante wurde fast sofort Wirklichkeit: Die B-Klasse F-CELL ging noch im selben Jahr in Kleinserie. Die Batterieversion brauchte bis 2014, als B-Klasse Electric Drive.
Der Range Extender — der orangefarbene — kam nie. Der Markt beantwortete diese Frage von selbst: Batterien wurden schneller besser, als es 2009 irgendjemand in der Cobo Hall vorherzusagen gewagt hätte. Doch der Grundgedanke, eine Architektur für mehrere Energiezukünfte gleichzeitig zu konstruieren, wurde für das Elektrozeitalter zur Mercedes-Doktrin.