Mercedes-Benz ESF 2009, Experimental-Sicherheits-Fahrzeug in seiner weiß-schwarz-orangen Forschungslackierung

Konzepte · 2009

Das Auto, das mit einem Airbag bremst.

Fünfunddreißig Jahre lang baute Mercedes kein Experimental-Sicherheits-Fahrzeug. Dann baute es eines, das seine eigene Karosserie aufbläst — und einen Airbag auf die Straße wirft.

Stuttgart, 15. Juni 2009. Keine Automesse — die Konferenz Enhanced Safety of Vehicles, auf der Unfallforscher anderen Unfallforschern Vorträge halten. Mercedes bringt eine weiße S-Klasse in schwarz-oranger Kriegsbemalung mit, und einen Satz, den niemand erwartet hat: Dies ist das erste ESF seit 1974.

ESF — Experimental-Sicherheits-Fahrzeug. In den frühen siebziger Jahren waren diese rollenden Labore, gebaut für das internationale Experimental-Safety-Vehicle-Programm, Vorreiter für Ideen, die die ganze Branche später übernahm. Dann wurde das Programm für eine Generation still. Mit dem ESF 2009 nahm Mercedes den Faden wieder auf, in aller Öffentlichkeit.

Der Mercedes-Benz ESF 22 von 1973 mit seinen enormen schwarzen Sicherheitsstoßfängern
Der Vorfahr: der ESF 22 von 1973, eine S-Klasse, verschluckt von energieabsorbierenden Stoßfängern. Seine Generation von Versuchsträgern trug Airbags und Gurtstraffer, ein Jahrzehnt vor der Serie.

Kapitel I

Das aufblasbare Auto.

Der ESF 2009 — aufgebaut auf einem S 400 HYBRID — trug mehr als ein Dutzend funktionierender Experimente, und das wildeste steckte unter dem Boden. Der Braking Bag ist ein Airbag mit Reibbeschichtung, der in den letzten Augenblicken vor einem unvermeidbaren Aufprall nach unten auslöst und sich gegen die Straße presst, um das Auto stärker zu verzögern, seine Nase anzuheben und das Bremsnicken auszugleichen, damit die Crashstrukturen den Zusammenstoß frontal treffen.

Genauso sonderbar: PRE-SAFE Structure — Karosseriepartien aus gefaltetem Blech, die ein Gasgenerator in Bruchteilen einer Sekunde auf 10–20 bar aufbläst und so ein leichtes, platzsparendes Profil erst dann in einen steifen Crashträger verwandelt, wenn einer gebraucht wird.

Der Rest des Wagens war ein Katalog näherliegender Zukünfte: ein aufblasbares Gurtband, um die Lasten auf dem Brustkorb zu verteilen, ein Airbag zwischen den Vordersitzen, Sitze, die die Insassen vor einem Seitencrash nach innen schieben, Scheinwerfer, die im Fernlicht bleiben und den Gegenverkehr dabei ausblenden, ein Suchscheinwerfer, der Fußgänger buchstäblich anleuchtet, und Car-to-X-Funk, damit Fahrzeuge einander vor Gefahren warnen können, die noch kein Fahrer gesehen hat.

Nichts davon war Dekoration. Jedes System funktionierte — und das meiste stand binnen fünf Jahren im Schauraum.

Vom Labor in den Schauraum

Wo die Experimente des ESF 2009 gelandet sind

Aufblasbarer Sicherheitsgurt Beltbag
2013 · S-Klasse (W222)
Spotlight-Funktion
2011 · CL-Klasse (C216), als Night View Assist Plus
Car-to-X-Kommunikation
2013 · S-Klasse (W222)
PRE-SAFE Impulse
2013 · S-Klasse (W222), Seitenversion E-Klasse 2016
Teilfernlicht-LED
2013 · S-Klasse (W222), als Adaptive Highbeam Assist Plus
Braking Bag
· Noch immer experimentell

Epilog

Eine Tradition, neu gestartet.

Der ESF 2009 tat genau das, was seine Vorfahren aus den siebziger Jahren getan hatten: Er machte Sicherheitsforschung sichtbar und speiste sie dann still in Serienfahrzeuge ein. Der Beltbag, der Mittenairbag, PRE-SAFE Impulse, Car-to-X — alles davon lässt sich auf diesen einen weißen Versuchsträger zurückführen. Und die Tradition, die er wiederbelebte, riss nicht wieder ab: Zehn Jahre später baute Mercedes den nächsten, den ESF 2019.

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