Der Mercedes-Benz ConceptFASCINATION Shooting Brake in Dunkelsilber

Konzepte · 2008

Die Zukunft, versteckt in einem Kombi.

Alle starrten auf die unmögliche Karosserie. Die Botschaft stand am anderen Ende: Diese Front war die nächste E-Klasse — vier Monate, bevor sie jemand sehen durfte.

11. September 2008. Lehman Brothers hat noch vier Tage zu leben, und Mercedes wählt diese seltsame, schwerelose Woche, um Bilder eines zweitürigen Kombis in Liquid-Silber zu veröffentlichen — einen Shooting Brake, in der alten englischen Jagdsprache —, unterwegs zum Pariser Autosalon.

In deutschen Designkreisen ist „Fascination“ das Kürzel für eine neue Richtung. Der Name war der Hinweis. Das hier war überhaupt kein Fahrzeugvorschlag — es war die erste öffentliche Arbeit einer neuen Designära und die maskierte Premiere des wichtigsten Mercedes des Jahres 2009.

Kapitel I

Lies die Front, nicht das Heck.

Der ConceptFASCINATION entstand in Sindelfingen unter Gorden Wagener, der erst Monate zuvor zum Chef des Mercedes-Designs berufen worden war — sein erstes großes Showcar im neuen Amt. Seine beiden kantigen Scheinwerfer, hart an einen Kühlergrill mit drei Lamellen gesetzt, verabschiedeten die vier weichen Ellipsen, die das Gesicht der E-Klasse anderthalb Jahrzehnte lang bestimmt hatten.

Das war die Nutzlast. Die E-Klasse W212 sollte im Januar 2009 in Detroit mit genau dieser Front debütieren, und das E-Klasse Coupé, das folgte — der Nachfolger des CLK —, kam ihr noch näher. Die Fachpresse hatte es binnen Stunden entschlüsselt.

Die Karosserie war unterdessen eine bewusste Provokation: ein zweitüriger Luxuskombi, die seltenste aller europäischen Formen, mit gläsernem Heck und einem in hellem Leder ausgeschlagenen Innenraum — samt elektrisch ausfahrbarem Tisch. Mercedes sagte unumwunden, es gebe dafür keine Serienpläne.

Unter der Haube saß die andere stille Premiere: der neue OM651 — ein 2,2-Liter-Vierzylinder-Diesel mit zwei Turboladern, rund 204 PS und V6-beschämenden 500 N·m, gereinigt durch AdBlue-Einspritzung. Der Motor des Showcars trieb später Millionen echter Autos an.

Der ConceptFASCINATION im Profil, das Coupé-Fensterband in ein Kombiheck gezogen
Bis zur B-Säule ein Coupé, danach ein Kombi. Die Silhouette, die Mercedes nie zu bauen schwor — bis das Unternehmen es tat, mit zwei Türen mehr.
Nahaufnahme der Doppelscheinwerfer und des Kühlergrills des ConceptFASCINATION
Die eigentliche Nachricht in Nahaufnahme: das Doppelscheinwerfer-Gesicht der E-Klasse von 2009, der Welt an einem Konzeptfahrzeug gezeigt, das niemand kaufen würde.

„Das Showcar demonstriert nicht nur eine faszinierende, neue Formensprache — es zeigt, dass Fahrzeuge von Mercedes-Benz auch in Zukunft Maßstäbe setzen werden, bei der Nachhaltigkeit wie bei der emotionalen Ausstrahlung.“

Dr. Thomas Weber, Vorstandsmitglied für Forschung und Entwicklung, 2008

Kapitel II

Alles ging in Serie. Irgendwann.

Konzeptfahrzeuge stiften der Serie üblicherweise ein Detail oder zwei. Der ConceptFASCINATION stiftete alles — Gesicht, Motor und schließlich sogar die Ketzerei selbst. 2012 brachte Mercedes eine fünftürige Auslegung genau dieser Silhouette als CLS Shooting Brake in den Verkauf und erweckte damit eine Bauform wieder, die die Branche für ausgestorben erklärt hatte.

Vom Messestand auf die Straße

Wo die Ideen des Konzeptfahrzeugs landeten

Kantige Doppelscheinwerfer
2009 · E-Klasse (W212)
Zweitürige E-Klasse
2009 · E-Klasse Coupé (C207)
Der Shooting Brake selbst
2012 · CLS Shooting Brake (X218)
Der 2,2-ℓ-Biturbodiesel
2008 · OM651 — millionenfach gebaut
Heckansicht des ConceptFASCINATION mit seiner Glasheckklappe
Das steile Glasheck, das zum Erkennungszeichen des CLS Shooting Brake wurde, vier Jahre zu früh.

Epilog

Das leiseste wichtige Konzeptfahrzeug.

Der ConceptFASCINATION bekam nie eine Museumstournee oder eine Legende. Er tat etwas Selteneres: Alles, was er vorschlug, traf ein. Die Front prägte eine Generation der E-Klasse; der Motor wurde einer der am häufigsten gebauten Mercedes-Diesel überhaupt; die unmögliche Bauform überlebte die Skeptiker. Unter den Grundsatzerklärungen eines brandneuen Designchefs sind wenige besser gealtert.

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