
Konzepte · 1996
Das Auto ohne Lenkrad.
Paris, 1996: Mercedes fragte, ob das Auto der Zukunft noch Lenkrad und Pedale braucht — und antwortete mit Joysticks in den Türen.
Auf dem Pariser Automobilsalon im Oktober 1996 umkreisten Besucher ein türkisfarbenes Coupé, dessen Innenraum unfertig aussah. Es gab kein Lenkrad. Keine Pedale. Nur drei kleine Sidesticks — einen in jeder Tür, einen auf der Mittelkonsole — und ein Band aus Farbbildschirmen dort, wo einmal die Instrumente saßen.
Mercedes nannte ihn F 200 Imagination. Beim italienischen Karosseriebauer Stola gebaut und im Advanced Design Studio in Tokio entworfen, war er ein Forschungsfahrzeug, das ein Traumauto spielte — und, fast nebenbei, ein Vorgriff auf den nächsten CL und die nächste S-Klasse.
Kapitel I
Drive by wire, gelenkt von links oder rechts.
Sidestick nach vorn drücken heißt beschleunigen, zurückziehen heißt bremsen, nach links oder rechts neigen heißt lenken. Tasten am Stick übernahmen Blinker, Hupe, Licht und Scheibenwischer. Weil es keine mechanische Lenksäule gab, konnte jeder der beiden Vordersitzinsassen die Kontrolle übernehmen — in der Beifahrertür saß ein eigener, dritter Stick.
Die Elektronik las den Stick als Wunsch nach einem Fahrzustand und entschied dann, anhand von Sensoren für Geschwindigkeit, Radschlupf und Aufbaubewegung, wie sie diesem Wunsch am sichersten nachkam. Mercedes nannte das Ganze drive-by-wire.
Das Unternehmen nahm die Sache ernst genug, um einen zweiten Prototypen zu bauen — einen R129 SL mit Sidesticks — und ihn bis 1998 zu testen. Zur Serie kam es nie. Gekommen ist dafür die elektronische Lenkung, die jeder moderne Mercedes unter seinem Lenkrad trägt, und schließlich jene Systeme, die ein Auto selbst fahren lassen.
Über das Armaturenbrett hinweg ersetzten Farbmonitore das Kombiinstrument und die Spiegel. Kameras in den Dachecken und im Heckstoßfänger speisten die Bildschirme — Spiegelkameras, 1996.

Unter der Haube
6,0Liter
M120 V12 · 389 hp — denn auch ein Forschungsfahrzeug, das von Joysticks handelte, brauchte einen richtigen Mercedes-Motor.
Kapitel II
Das Gesicht zweier Serienautos.
Fast beiläufig zeigte der F 200, wie ein großes modernes Coupé aussehen könnte. Sein ovaler Kühlergrill, die weichen Proportionen und das säulenlose Glashaus kündigten den C215 CL von 1999 an; seine Frontpartie nahm außerdem die W220 S-Klasse von 1998 vorweg. Die nach oben aufschwingenden Türen waren reine Show. Der perforierte Grill und die perforierten Räder nahmen kurioserweise die Burmester-Lautsprechergitter vieler Jahre später vorweg.
Darunter saß die erste öffentliche Demonstration von Active Body Control — voll aktives Fahrwerk, das 1999 in den CL kommen sollte —, dazu Fensterairbags, variable Lichtverteilung, ein elektro-transparentes Panoramadach und die Sprachsteuerung Linguatronic.
Von der Imagination in den Schauraum
F-200-Merkmale und ihr Serieneinstand bei Mercedes
- Fensterairbags
- 1998 · W210 E-Klasse
- Active Body Control
- 1999 · C215 CL
- Aktive Bi-Xenon-Scheinwerfer
- 2003 · W211 E-Klasse
- Elektro-transparentes Dach
- 2002 · Maybach 62
- Sprachsteuerung Linguatronic
- ab 1996
- Elektrische Parkbremse
- Serie in den 2000ern

Epilog
Das virale Auto, das gar nicht neu war.
In den frühen 2000ern kursierten Kettenmails mit Fotos des F 200 unter dem Betreff „The New Benz“ und nannten ihn SCL600. Snopes musste erklären, dass es das Auto wirklich gab — nur nicht zu kaufen, und schon einige Jahre alt. Das Original steht bis heute im Mercedes-Benz Museum, im Raum Faszination Technik. Der Stick hat das Lenkrad nie ersetzt. Fast alles um ihn herum schon.