Das Forschungsfahrzeug Mercedes-Benz F 100 in der Seitenansicht, in tiefem Blauviolett

Konzepte · 1991

Der Van, der die Zukunft sah.

Er sah aus wie ein violetter Familienbus. An Bord hatte er Radar-Abstandsregelung, Sprachbefehle, schlüssellosen Zugang und Spurassistenz — im Januar 1991.

Detroit, 12. Januar 1991. Mercedes wählt die erste große Messe des Jahres, um ein Forschungsfahrzeug zu zeigen, das schlicht F 100 heißt. Besucher umrunden einen glatten violetten One-Box-Wagen und blicken durch die riesige Windschutzscheibe auf etwas wirklich Merkwürdiges: Der Fahrersitz sitzt in der Mitte.

Niemals zuvor, sagte das Unternehmen, seien so viele Ideen und neue Technologien in ein einziges voll fahrfähiges Auto gepackt worden. Das war keine Prahlerei. Das war eine Liste der nächsten dreißig Jahre.

Kapitel I

Der beste Platz im Haus.

Die Anordnung begann mit einer Statistik: Ein Auto befördert im Durchschnitt nur 1,2 bis 1,7 Personen. Also gab der F 100 seinem einen sicheren Insassen den sichersten Platz der Struktur — genau in der Mitte, weit weg von jeder Knautschzone —, mit zwei versetzt dahinter sitzenden Passagieren und Raum für insgesamt fünf.

B-Säulen gab es nicht. Die vorderen Türen schwenkten nach Schwanenflügel-Art heraus und nahmen einen Teil von Boden und Dach mit; die hinteren schoben sich auf. In den sichersten Sitz des Autos zu kommen war leichter als in die meisten anderen.

Darunter lauerte eine zweite Ketzerei: Vorderradantrieb, in einem Mercedes, sechs Jahre bevor die A-Klasse ihn amtlich machte.

Und auf dem Dach betrieb ein Feld aus Solarzellen die Lüftung, während der Wagen parkte — eine Idee, die ein Jahrzehnt später im Maybach auftauchte.

Der F 100 von oben, mit seiner riesigen umlaufenden Windschutzscheibe
Eine Glaskanzel, ein mittiger Wischer, ein mittiger Fahrer. Das Armaturenbrett saß ungewöhnlich weit entfernt — auch das eine Entscheidung des Crashschutzes.

Kapitel II

Eine Einkaufsliste für drei Jahrzehnte.

Die eigentliche Fracht des F 100 war seine Ausstattung. Xenon-Gasentladungsscheinwerfer. Ein Scheibenwischer, der pausierte, wenn der Regen pausierte. Eine Chipkarte anstelle des Schlüssels. Sprachbefehle. Ein Radar, das den Abstand zum Vorausfahrenden hielt, vor Kollisionen warnte und den toten Winkel überwachte. Reifendrucksensoren. Eine Kamera statt eines Rückspiegels. 1991 war jeder Punkt dieser Liste Science-Fiction; binnen zwanzig Jahren war jeder einzelne davon ein Serienmerkmal von Mercedes.

Prognosen, mit Note

Merkmale des F 100 und ihr Serienstart bei Mercedes

Xenon-Abblendlicht
1995
Regensensor
1995
Sprachsteuerung
1996
Chipkarte statt Schlüssel
1998
Distronic Abstandsregeltempomat
1999
Reifendrucküberwachung
1999
Solardach
2002
Kollisionsschutz-Bremse
2005
Totwinkel- & Spurhalte-Assistent
2010
Der F 100 von oben und hinten, mit seinem Solardach
Das Solardach, aufgenommen aus dem Winkel, für den es gedacht war. Seine Zellen versorgten die Innenraumlüftung, während der Wagen in der Sonne stand.

Epilog

In allem richtig, nur nicht in sich selbst.

Die einzige Prognose, die scheiterte, war das Auto selbst: Kein Mercedes hat den Fahrer je in die Mitte gesetzt, und der hohe One-Box-Luxuswagen blieb eine Nische. Doch der F 100 begründete eine Dynastie — die Forschungsfahrzeuge F 200, F 300, F 400, F 500 und F 700 folgten alle seinem Muster, die ferne Zukunft in eine fahrbare Maschine zu packen. Als Technologieprognose ist er vielleicht das treffsicherste Konzeptfahrzeug, das je gezeigt wurde.

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