
Konzepte · 1995
Vier Autos. Ein Fahrgestell.
Genf, 1995: Mercedes zeigte einen kompakten Zweitürer, der zur Limousine, zum Kombi, zum Cabriolet oder zum Pick-up werden konnte — während man seinen Kaffee austrank.
Der übliche Rat beim Autokauf lautet, sich für eine Karosserieform zu entscheiden und mit ihr zu leben. Auf dem Genfer Automobilsalon im März 1995 fragte Mercedes: Was, wenn man das nicht müsste — was, wenn Dach, Flanken und Heck ein gemietetes Modul für die Woche wären.
Sie nannten es Vario Research Car. Unter den eisblauen Häuten saß das erste Mercedes-Forschungsfahrzeug mit Drive-by-Wire-Lenkung und -Bremsen — die Schlagzeile aber war der Karosseriewechsel.
Kapitel I
Fünfzehn Minuten bis zu einem anderen Leben.
Die Ingenieure teilten das Auto in eine feste Basis — Fahrgestell, Windschutzscheibe, Türen, Armaturenbrett, Sitze — und einen einteiligen Oberbau aus Kohlefaser mit Dach, Seitenwänden und Heck. Jedes Modul wog nur 30 bis 50 Kilogramm, rund 25 Prozent weniger als ein Pendant aus Aluminium, und war dennoch crashsicher.
Elektromagnete und Verriegelungen spannten das Modul fest; ein zentraler Stecker am Heck versorgte es mit Strom. Die Elektronik erkannte, welche Karosserie montiert war. Angegebene Wechselzeit: fünfzehn Minuten.
Von den Besitzern wurde nicht erwartet, vier Dächer in der Garage zu lagern. Mercedes skizzierte ein Modell mit Mietstationen: als Limousine hineinfahren, einen Kaffee trinken, als Pick-up hinausfahren. Das Modul behalten, solange man mag. Es war Auto-Abo, bevor es das Wort dafür gab — nur dass man denselben Schlüssel behielt.
Limousine
Zweitürer für den Arbeitsweg unter der Woche
Kombi
Urlaubsgepäckraum auf Abruf
Cabriolet
Offener Viersitzer für den Sommer
Pick-up
Offene Pritsche für sperrige Lasten

Modulwechsel
15 Minuten
Limousine zu Kombi, Kombi zu Cabrio, Cabrio zu Pick-up.
Kapitel II
Ein Forschungsfahrzeug im Kostüm.
Unter dem Partytrick steckte ernsthafte Technik. Der Vario war Mercedes' erstes Forschungsfahrzeug mit Drive-by-Wire-Lenkung und -Bremsen — ein Jahr, bevor der F 200 den Sidestick berühmt machte. Frontantrieb traf auf ein CVT-Automatikgetriebe. Active Body Control war schon im Versuch. Ein farbiges Zentraldisplay und ein Dreh-Drücksteller nahmen Cockpits vorweg, die im W220 und später im W221 landen sollten.
In dem Programm gehe es, beharrte Mercedes, um die Variabilität der Karosserie — nicht um die By-Wire-Systeme. Dennoch hinterließ der Wagen eine Spur von Serienideen, während der Traum von der Mietkarosserie ein Genfer Einzelstück blieb.

Epilog
Das Abo, ohne den Wechsel.
Niemand mietet beim Mercedes-Händler Kohlefaserdächer. Angekommen sind stattdessen die weichen Fassungen der Idee — Carsharing-Flotten, Abo-Programme, SUVs, die vorgeben, alles zu sein. Der Vario steht noch immer im Museum als die harte Fassung: ein Schlüsselbund, vier Leben, fünfzehn Minuten dazwischen. Als Prognose, wie Menschen Autos einmal nutzen wollen würden, war er früh. Als Ingenieurstheater ist er unübertroffen.